Mein persönliches Flüchtlingshilfetagebuch Teil 2: Es wird konkret

Morgen ist es so weit. Morgen wird es ernst, denn morgen werde ich zum ersten Mal in der städtischen Anlaufstelle für die Koordination der Flüchtlingshilfe in Marburg-Cappel hinter einem Empfangstresen sitzen und per Telefon Menschen weiterhelfen, die sich an der Hilfe für Flüchtlinge beteiligen wollen, sei es durch Kleider- oder Sachspenden, sei es dadurch, dass sie ihre Fähigkeiten in den Dienst der guten Sache stellen möchten.

„Vorbereitungen“hieß mein letzter Beitrag zu diesem Thema… Und? Bin ich nun gut vorbereitet? Nun, in jedem Fall bin ich ziemlich aufgeregt, auch wenn ich denke, dass ich die Aufgaben, die auf mich zukommen, gut bewältigen kann.

Aber mein letzter Beitrag ist erstens ein gutes Stichwort und zweitens schon eine ganze Weile her. Deshalb sollte ich sie als einigermaßen gewissenhafte Bloggerin zunächst einmal auf den neuesten Stand bringen.

Ich hatte mich, wie Sie sich vielleicht erinnern, in die HelferInnenliste eintragen lassen und den entsprechenden Fragebogen ausgefüllt. Es hieß also warten.

Am Mittwoch, dem 22. Juli hatte dieses warten dann ein Ende. Die Stadt lud zu einer Informationsveranstaltung für alle HelferInnen ins Bürgerhaus Cappel ein, und meine Freundin, die mit mir schon zu unserer Willkommenskundgebung gegangen war, über die ich hier ebenfalls berichtet habe, und ich fuhren natürlich hin, denn auf diese Weise konnten wir wichtige Schlüsselfiguren der Flüchtlingshilfe persönlich kennenlernen, was vor allem dann sehr nützlich ist, wenn man als blinder Mensch nicht jede Pressemitteilung oder Nachricht in einer Facebook-Gruppe oder Zeitung verfolgt. Da hilft es enorm, Kontakte geknüpft zu haben.

Die erste Überraschung, die wir erlebten, war die Zahl der TeilnehmerInnen, und das ging auch den OrganisatorInnen so. Da sich ungefähr 300 Menschen in die Listen eingetragen hatten, war der hausmeister angewisen worden, vorsorglich auch ungefähr genauso viele Stühle bereitzustellen, obwohl erfahrungsgemäß selten mehr als zwei Drittel der möglichen Leute zum angegebenen Termin zeit haben. Nur standen plötzlich rund 400 Menschen auf der Matte, die helfen wollten! Das unterstrich das improvisatorische des ganzen, in aller Eile aus dem Boden gestampften Hilfsprojekts auf das Trefflichste und wurde darüber hinaus eng, aber gemütlich. Von ein wenig Babygequengel untermalt stellten sich uns die sog. MultiplikatorInnen der einzelnen Hilfsangebote vor: der Kinderbetreuung, der niederschwelligen Sprachkurse, der Alltagshilfe, des sog. Infopoints im Flüchtlingscamp, der Kleider- und Essensausgaben und eben jener Telefonhotline, bei der ich morgen meine erste Schicht antreten werde. Und alle waren sie beeindruckt und überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Marburger BürgerInnen, und ich kann gar nicht oft genug unterstreichen, wie gerne ich in dieser Stadt lebe.

Das Aufgabenfeld, das sich vor uns ausrollte, war bunt: da werden Menschen gesucht, um mit Kindern zu spielen
und sie zu beschäftigen, während ihre Mütter anderes organisieren müssen oder damit sie einfach auch einmal ein wenig zur Ruhe kommen können; andererseits braucht es Menschen mit Sprachkenntnissen, die die Aktion begleiten und helfen können, das Vertrauen der Mütter zu erwerben, damit eine Betreuung überhaupt möglich wird; Spielzeug wurde natürlich auch gebraucht, allerdings habe man, wie uns versichert wurde, zur Zeit mehr als genug davon. Überhaupt sind die Marburger BürgerInnen offenbar wunderbar freigebig, wie uns die Organisatorin der Kleiderausgabe zu berichten wusste. Allerdings geschieht das hin und wieder scheinbar recht wahllos: Immer wieder muss einfühlsam, aber deutlich darauf hingewiesen werden, dass die Flüchtlinge derzeit nicht genug Gepäck mit sich führen, um mit Wintersachen oder einer auf dem Hof der Anlaufstelle abgeladenen Einbauküche etwas anfangen zu können… Ich war gelegentlich wirklich sehr verwundert. Allerdings gibt es in der Stadt ja auch außer dem Durchgangscamp in Cappel etwa 20 Wohnungen für dauerhafte Flüchtlinge, die diese Küche vielleicht gebrauchen konnten… Trotzdem fragte ich mich schon ein wenig, ob da nicht mancher die chance nutzte, einfach mal was los zu werden.

Ein anderes Betätigungsfeld sind sog. „niederschwellige“ Sprachkurse. Das bedeutet nichts anderes, als dass man dort die allerersten Sätze erlernt, um zum Beispiel nach einem Weg oder einem Produkt im Supermarkt zu fragen und sich außerdem vorstellen, sich ein paar nette Worte sagen oder sich bedanken zu können. Einfach nützliche Formulierungen eben, die ein wenig helfen, damit Menschen sich hier zu Hause fühlen können, genau wie das Angebot zur sog. Alltagshilfe. Was es damit auf sich hat, werde ich bestimmt in den nächsten Tagen herausfinden und Ihnen dann berichten.

Gesucht wurden außerdem menschen, die bei der Ausgabe der drei täglichen Mahlzeiten und der Kleidung sowie bei deren Sortierung helfen können. Und dann war da eben die Telefonhotline.

2 Frauen beschwerten sich bitterlich, dass die angebote für die Flüchtlinge nur bis 17:00 Uhr angeboten würden und sie als Berufstätige daher von der Hilfe ausgeschlossen würden. Dass sie nicht „diskriminiert“ sagten, war erstaunlich. Ich fragte mich, ob sie sich nicht vorstellen konnten, dass es den Flüchtlingen wohl kaum darauf ankommt, den ganzen Tag „bespaßt“ zu werden, sondern dass sie auch irgendwann Zeit zum ausruhen und buchstäblich zum ankommen benötigen könnten… Andererseits kann ja auch ich mir kaum wirklich vorstellen, wie das Leben eines Flüchtlings sich anfühlt, und wer weiß: Ich werde schon auch noch meine falschen, naiven oder unrealistischen Vorstellungen in irgendeinem Punkt entdecken, und zu viel Eifer ist schließlich allemal besser als zu wenig!

Abgesehen von diesen und manchen offensichtlich politischen Wortbeiträgen einiger Leute, die für meinen Geschmack eindeutig auf Selbstdarstellung abzielten, kamen viele interessierte Fragen aus der Zuhörerschaft, doch viele konnten noch gar nicht beantwortet werden, da noch niemand wirklich ausreichende Erfahrungen gesammelt hat. Das ganze Projekt ist einfach zu neu.

Im Anschluss an die Vorstellung der einzelnen Projekte und die Fragen aus dem Publikum trafen sich dann in Kleingruppen all diejenigen, die sich für ein bestimmtes Gebiet angemeldet hatten. In unserem Fall hieß das allerdings nur nochmaliger Abgleich der Daten und wieder warten, denn die Nummer und unser Arbeitsplatz waren noch nicht eingerichtet.

Doch letzten Donnerstag bewegte sich dann wieder etwas: kurzfristig wie alles bei diesem spannenden Projekt erreichte uns eine E-Mail, dass es am Freitag die angekündigte kurze Schulung geben werde. Ich raffte also die Braillezeile als Notizgerät und meine Gedanken zusammen und fuhr nach Cappel, wo uns die Leiterin des gesamten Projektes, der Leiter der EDV für das Projekt und eine Kommunikationstrainerin erwarteten.

Die Erfahrungen der TeilnehmerInnen im Umgang mit Menschen am Telefon sind sehr unterschiedlich: manche verfügen – wie ich – schon über einige Erfahrung im Bereich persönlicher oder telefonischer Beratung, andere müssen in ihrem Beruf oft mit Kunden telefonieren, einige wenige haben so etwas noch nie gemacht. Wir wurden also zunächst mal mit den wahrscheinlichsten Fragen vertraut gemacht, die man uns vermutlich stellen wird: „Wie kann ich persönlich helfen?“ „Wo kann ich was hinbringen?“ „Ich habe da eine Beschwerde über die Flüchtlinge…“ Wie sollen wir mit Menschen umgehen, die unbedingt „die Chefin des Projekts“ sprechen wollen, wie höflich und freundlich Gespräche mit Menschen beenden, die vielleicht aufgrund eines Todesfalls eine Wohnung auflösen und ihre Sachen den Flüchtlingen spenden wollen, dabei aber auch dringend jemanden zum reden brauchen? Worin genau bestehen unsere Aufgaben bei der Hotline? Was kann sie leisten und was nicht? Darüber hinaus wurde ein Handbuch ausgeteilt, in dem zum Beispiel die wichtigsten Daten und Nummern stehen, an die wir die AnruferInnen weiterleiten oder über die wir uns im Zweifel selbst informieren können. Dann wurden im Rollenspiel von je 2 Personen gestellte Gesprächssituationen geübt, und zum Schluss begutachteten wir unseren zukünftigen Arbeitsplatz. Die völlig übermüdete hauptkoordinatorin blieb extra noch fast eine ganze Stunde länger, um meiner Freundin und mir sämtliche Räumlichkeiten der anlaufstelle zu zeigen, und der EDV-Spezialist sprach ganz genau mit uns durch, in welchem Format wir was benötigten und wie man uns sonst die Lage vereinfachen könne. Ich war sehr gerührt darüber, wie beide trotz ihres unübersehbaren Arbeitsberges noch so sehr um das Wohlergehen der Ehrenamtlichen bemüht waren und fühle mich geehrt, sie entlasten zu können!

Und morgen geht es nun also los. ich hoffe, dass ich gut schlafen kann. Drücken Sie uns die Daumen!

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Eine Antwort zu Mein persönliches Flüchtlingshilfetagebuch Teil 2: Es wird konkret

  1. Ronald Wolf schreibt:

    Bin gespannt wie es weiter geht. Wo bleibt Wespennestwärme September ?
    Gruß aus dem Vogtland (Sachsen)
    Ronald W.

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