Mein persönliches Flüchtlingshilfetagebuch Teil 2: Es wird konkret

Morgen ist es so weit. Morgen wird es ernst, denn morgen werde ich zum ersten Mal in der städtischen Anlaufstelle für die Koordination der Flüchtlingshilfe in Marburg-Cappel hinter einem Empfangstresen sitzen und per Telefon Menschen weiterhelfen, die sich an der Hilfe für Flüchtlinge beteiligen wollen, sei es durch Kleider- oder Sachspenden, sei es dadurch, dass sie ihre Fähigkeiten in den Dienst der guten Sache stellen möchten.

„Vorbereitungen“hieß mein letzter Beitrag zu diesem Thema… Und? Bin ich nun gut vorbereitet? Nun, in jedem Fall bin ich ziemlich aufgeregt, auch wenn ich denke, dass ich die Aufgaben, die auf mich zukommen, gut bewältigen kann.

Aber mein letzter Beitrag ist erstens ein gutes Stichwort und zweitens schon eine ganze Weile her. Deshalb sollte ich sie als einigermaßen gewissenhafte Bloggerin zunächst einmal auf den neuesten Stand bringen.

Ich hatte mich, wie Sie sich vielleicht erinnern, in die HelferInnenliste eintragen lassen und den entsprechenden Fragebogen ausgefüllt. Es hieß also warten.

Am Mittwoch, dem 22. Juli hatte dieses warten dann ein Ende. Die Stadt lud zu einer Informationsveranstaltung für alle HelferInnen ins Bürgerhaus Cappel ein, und meine Freundin, die mit mir schon zu unserer Willkommenskundgebung gegangen war, über die ich hier ebenfalls berichtet habe, und ich fuhren natürlich hin, denn auf diese Weise konnten wir wichtige Schlüsselfiguren der Flüchtlingshilfe persönlich kennenlernen, was vor allem dann sehr nützlich ist, wenn man als blinder Mensch nicht jede Pressemitteilung oder Nachricht in einer Facebook-Gruppe oder Zeitung verfolgt. Da hilft es enorm, Kontakte geknüpft zu haben.

Die erste Überraschung, die wir erlebten, war die Zahl der TeilnehmerInnen, und das ging auch den OrganisatorInnen so. Da sich ungefähr 300 Menschen in die Listen eingetragen hatten, war der hausmeister angewisen worden, vorsorglich auch ungefähr genauso viele Stühle bereitzustellen, obwohl erfahrungsgemäß selten mehr als zwei Drittel der möglichen Leute zum angegebenen Termin zeit haben. Nur standen plötzlich rund 400 Menschen auf der Matte, die helfen wollten! Das unterstrich das improvisatorische des ganzen, in aller Eile aus dem Boden gestampften Hilfsprojekts auf das Trefflichste und wurde darüber hinaus eng, aber gemütlich. Von ein wenig Babygequengel untermalt stellten sich uns die sog. MultiplikatorInnen der einzelnen Hilfsangebote vor: der Kinderbetreuung, der niederschwelligen Sprachkurse, der Alltagshilfe, des sog. Infopoints im Flüchtlingscamp, der Kleider- und Essensausgaben und eben jener Telefonhotline, bei der ich morgen meine erste Schicht antreten werde. Und alle waren sie beeindruckt und überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Marburger BürgerInnen, und ich kann gar nicht oft genug unterstreichen, wie gerne ich in dieser Stadt lebe.

Das Aufgabenfeld, das sich vor uns ausrollte, war bunt: da werden Menschen gesucht, um mit Kindern zu spielen
und sie zu beschäftigen, während ihre Mütter anderes organisieren müssen oder damit sie einfach auch einmal ein wenig zur Ruhe kommen können; andererseits braucht es Menschen mit Sprachkenntnissen, die die Aktion begleiten und helfen können, das Vertrauen der Mütter zu erwerben, damit eine Betreuung überhaupt möglich wird; Spielzeug wurde natürlich auch gebraucht, allerdings habe man, wie uns versichert wurde, zur Zeit mehr als genug davon. Überhaupt sind die Marburger BürgerInnen offenbar wunderbar freigebig, wie uns die Organisatorin der Kleiderausgabe zu berichten wusste. Allerdings geschieht das hin und wieder scheinbar recht wahllos: Immer wieder muss einfühlsam, aber deutlich darauf hingewiesen werden, dass die Flüchtlinge derzeit nicht genug Gepäck mit sich führen, um mit Wintersachen oder einer auf dem Hof der Anlaufstelle abgeladenen Einbauküche etwas anfangen zu können… Ich war gelegentlich wirklich sehr verwundert. Allerdings gibt es in der Stadt ja auch außer dem Durchgangscamp in Cappel etwa 20 Wohnungen für dauerhafte Flüchtlinge, die diese Küche vielleicht gebrauchen konnten… Trotzdem fragte ich mich schon ein wenig, ob da nicht mancher die chance nutzte, einfach mal was los zu werden.

Ein anderes Betätigungsfeld sind sog. „niederschwellige“ Sprachkurse. Das bedeutet nichts anderes, als dass man dort die allerersten Sätze erlernt, um zum Beispiel nach einem Weg oder einem Produkt im Supermarkt zu fragen und sich außerdem vorstellen, sich ein paar nette Worte sagen oder sich bedanken zu können. Einfach nützliche Formulierungen eben, die ein wenig helfen, damit Menschen sich hier zu Hause fühlen können, genau wie das Angebot zur sog. Alltagshilfe. Was es damit auf sich hat, werde ich bestimmt in den nächsten Tagen herausfinden und Ihnen dann berichten.

Gesucht wurden außerdem menschen, die bei der Ausgabe der drei täglichen Mahlzeiten und der Kleidung sowie bei deren Sortierung helfen können. Und dann war da eben die Telefonhotline.

2 Frauen beschwerten sich bitterlich, dass die angebote für die Flüchtlinge nur bis 17:00 Uhr angeboten würden und sie als Berufstätige daher von der Hilfe ausgeschlossen würden. Dass sie nicht „diskriminiert“ sagten, war erstaunlich. Ich fragte mich, ob sie sich nicht vorstellen konnten, dass es den Flüchtlingen wohl kaum darauf ankommt, den ganzen Tag „bespaßt“ zu werden, sondern dass sie auch irgendwann Zeit zum ausruhen und buchstäblich zum ankommen benötigen könnten… Andererseits kann ja auch ich mir kaum wirklich vorstellen, wie das Leben eines Flüchtlings sich anfühlt, und wer weiß: Ich werde schon auch noch meine falschen, naiven oder unrealistischen Vorstellungen in irgendeinem Punkt entdecken, und zu viel Eifer ist schließlich allemal besser als zu wenig!

Abgesehen von diesen und manchen offensichtlich politischen Wortbeiträgen einiger Leute, die für meinen Geschmack eindeutig auf Selbstdarstellung abzielten, kamen viele interessierte Fragen aus der Zuhörerschaft, doch viele konnten noch gar nicht beantwortet werden, da noch niemand wirklich ausreichende Erfahrungen gesammelt hat. Das ganze Projekt ist einfach zu neu.

Im Anschluss an die Vorstellung der einzelnen Projekte und die Fragen aus dem Publikum trafen sich dann in Kleingruppen all diejenigen, die sich für ein bestimmtes Gebiet angemeldet hatten. In unserem Fall hieß das allerdings nur nochmaliger Abgleich der Daten und wieder warten, denn die Nummer und unser Arbeitsplatz waren noch nicht eingerichtet.

Doch letzten Donnerstag bewegte sich dann wieder etwas: kurzfristig wie alles bei diesem spannenden Projekt erreichte uns eine E-Mail, dass es am Freitag die angekündigte kurze Schulung geben werde. Ich raffte also die Braillezeile als Notizgerät und meine Gedanken zusammen und fuhr nach Cappel, wo uns die Leiterin des gesamten Projektes, der Leiter der EDV für das Projekt und eine Kommunikationstrainerin erwarteten.

Die Erfahrungen der TeilnehmerInnen im Umgang mit Menschen am Telefon sind sehr unterschiedlich: manche verfügen – wie ich – schon über einige Erfahrung im Bereich persönlicher oder telefonischer Beratung, andere müssen in ihrem Beruf oft mit Kunden telefonieren, einige wenige haben so etwas noch nie gemacht. Wir wurden also zunächst mal mit den wahrscheinlichsten Fragen vertraut gemacht, die man uns vermutlich stellen wird: „Wie kann ich persönlich helfen?“ „Wo kann ich was hinbringen?“ „Ich habe da eine Beschwerde über die Flüchtlinge…“ Wie sollen wir mit Menschen umgehen, die unbedingt „die Chefin des Projekts“ sprechen wollen, wie höflich und freundlich Gespräche mit Menschen beenden, die vielleicht aufgrund eines Todesfalls eine Wohnung auflösen und ihre Sachen den Flüchtlingen spenden wollen, dabei aber auch dringend jemanden zum reden brauchen? Worin genau bestehen unsere Aufgaben bei der Hotline? Was kann sie leisten und was nicht? Darüber hinaus wurde ein Handbuch ausgeteilt, in dem zum Beispiel die wichtigsten Daten und Nummern stehen, an die wir die AnruferInnen weiterleiten oder über die wir uns im Zweifel selbst informieren können. Dann wurden im Rollenspiel von je 2 Personen gestellte Gesprächssituationen geübt, und zum Schluss begutachteten wir unseren zukünftigen Arbeitsplatz. Die völlig übermüdete hauptkoordinatorin blieb extra noch fast eine ganze Stunde länger, um meiner Freundin und mir sämtliche Räumlichkeiten der anlaufstelle zu zeigen, und der EDV-Spezialist sprach ganz genau mit uns durch, in welchem Format wir was benötigten und wie man uns sonst die Lage vereinfachen könne. Ich war sehr gerührt darüber, wie beide trotz ihres unübersehbaren Arbeitsberges noch so sehr um das Wohlergehen der Ehrenamtlichen bemüht waren und fühle mich geehrt, sie entlasten zu können!

Und morgen geht es nun also los. ich hoffe, dass ich gut schlafen kann. Drücken Sie uns die Daumen!

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Mein persönliches Flüchtlingshilfetagebuch Teil 1: Vorbereitungen

Mein persönliches Flüchtlingshilfetagebuch Teil 1: Vorbereitungen

Nun habe ich meinen Überlegungen, mich an der Hilfe für Flüchtlinge in Marburg zu beteiligen, Taten folgen lassen. Gerade eben habe ich bei der zuständigen Stelle der Stadt angerufen. In einem Artikel hat Marburgnewsvon der ankunft der ersten 100 Flüchtlinge in Marburg-Cappel berichtet und unter anderem auch einige Bereiche erwähnt, in denen Hilfe benötigt wird. Mir war sofort klar, dass ich bei der Essens- oder Kleiderverteilung keine große Hilfe sein kann. Auch die Vermittlung erster Sprachkenntnisse dürfte sich für mich als blinder Frau, die nur unzureichend mit Händen und Füßen kommunizieren kann, als schwierig erweisen – und für die Flüchtlinge somit erst recht.

Interessant ist allerdings, dass Leute gesucht werden, die die Telefonhotline bedienen können, um die Angebote der menschen, die gernehelfen wollen, zu koordinieren oder ihnen, falls sie noch nicht wissen, was sie tun können, bei der Entscheidung weiterzuhelfen. Kommunikative Menschen suchen sie da – Gut, das bin ich, und Erfahrungen mit und Freude an Beratungsgesprächen am Telefon oder „live“ habe ich auch mehr als genug. Und wenn Englischkenntnisse benötigt werden: Umso besser!

Jetzt haben sie bei der Stadt meine Daten aufgenommen und ich warte auf Antwort. Wenn alles gut geht, werde ich ein bis zweimal in der Woche den Telefondienst übernehmen. Wie genau es ablaufen wird und wo die Hotline eingerichtet werden soll, ist allerdings noch nicht entschieden. Am Anfang wird es eine kurze Schulung geben. Bin sehr gespannt, was uns da vermittelt werden wird.

Begeistert war ich, dass ich nicht sofort abgeblockt und ausgegrenzt wurde, als ich erwähnte, blind zu sein. Diese Hürde sorgt nämlich oft für Herzklopfen und Schweißausbrüche, bis sie genommen ist. Durch damit verbundene Vorurteile wurde in meinem Leben schon so manches Engagement im Keim erstickt, noch bevor es überhaupt anfing. Diesmal aber habe ich ein gutes Gefühl, und die Dame am Telefon schien sogar richtig erleichtert. Klar, dass sie am Telefon Entlastung brauchen bei der Flüchtlingshilfestelle . Oder gar nicht klar? Vielleicht nur in marburg klar. Und wieder einmal bin ich froh und stolz, in einer solchen Stadt zu leben! Und verdammt glücklich darüber, meine soziale Kompetenz und meine organisatorischen Fähigkeiten endlich einmal wieder unter Beweis stellen zu dürfen, und das für eine Sache, die wirklich lohnt und das Leben anderer menschen verbessert. Endlich einmal nicht nur zugucken müssen und nichts ändern können, sondern mitgestalten! Ich freue mich! Wünschen Sie mir Glück. Ich halte Sie auf dem Laufenden.

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Vielfalt, Stadt, Einfalt – über ein gelungenes „herzlich willkommen“

„Vielfalt, Stadt, Einfalt“ – Das war der Name der gestrigen Veranstaltung in Marburg, mit der die Stadt und etwa 150 ihrer BürgerInnen ihre Solidarität mit Flüchtlingen und ihren Willen zu einer „Willkommenskultur“ bekundeten. Das ist uns meiner Ansicht nach sehr gut gelungen, weshalb es sich lohnt, ausführlich darüber zu berichten.

Wie genau der Ablauf der Kundgebung war und wer wann was sagte, darüber hat Marburgnews einen wunderbaren, gut strukturierten und erschöpfenden Artikel verfasst. Mein Beitrag ist daher eher als ergänzender, persönlicher Stimmungsbericht zu lesen, der dem Ereignis vielleicht noch etwas mehr von der Lebendigkeit verleihen kann, die es zweifellos verdient!

Den intensivsten Eindruck bei mir hat womöglich die Tatsache hinterlassen, das „Vielfalt, Stadt, Einfalt“ keine Veranstaltung war, zu der man hingeht, sich ein paar Reden anhört und dann wieder nach hause geht. Es mögen nur 150 Menschen gewesen sein, die sich bei brütender Sonne auf dem Platz versammelten, doch bewiesen sie durch Austausch und Gespräche auch vor und nach der Kundgebung und durch ihr allgemein hilfsbereites, herzliches und respektvolles Verhalten, dass sie mehr vorhatten als einfach ihre „Pflichtsolidarität“ zu demonstrieren.

Auch für mich begann die auseinandersetzung mit dem Thema „Flüchtlinge in marburg“ lange vor dem „offiziellen Teil“, als meine Freundin, ihr Führhund und ich uns etwa eine Stunde vorher in einem nahe gelegenen Café zum Frühstück trafen. Beide wussten wir nicht recht, was uns überhaupt erwartete, denn das Programm, das wir per Email erhalten hatten, war nicht besonders aussagekräftig gewesen. Wer würde reden? Würde es noch andere Aktionen außer Reden geben? Es gab ein Gerücht über einen persönlichen Erfahrungsbericht.

Wir nutzten also unsere Unwissenheit, um uns statt dessen über unsere eigenen, ganz persönlichen Ansichten zu unterhalten: Beide waren wir gekommen, um mehr über ansprechpartnerInnen und konkrete Hilfsmöglichkeiten in unserer Stadt zu erfahren, um uns mit anderen auszutauschen und natürlich, um „Flagge zu zeigen“.

Letzteres schien zunächst ein ziemlich entmutigendes Projekt zu werden. Der Marktplatz, auf dem – das muss leider an dieser Stelle gesagt werden – von der Stadt keinerlei maßnahmen getroffen worden waren, um die Menschen vor der sengenden Sonne zu schützen, präsentierte sich bis kurz vor der Veranstaltung gähnend leer. „Das sind keine 500, nicht mal 50. Das werden grade mal 5“, kommentierte ein Mann am Nebentisch, und wirklich: auch wenige Minuten, bevor es losgehen sollte, beim Soundcheck der kleinen Band „Sama Damaszener“, klang der Platz verlassen. Wieder Redestoff: Gibt es wirklich die vielbeschworene „Willkommenskultur“ in Marburg? Müssten da nicht viel mehr Menschen sein? Daran anschließend entwickelte sich ein Gespräch darüber, warum so viele Flüchtlinge trotz Feindseligkeit in Bevölkerung und in den Medien Europa noch immer für „das gelobte Land“, für das „Paradies auf Erden“ halten und was sie eigentlich eintauschen für eventuell noch bestehende familiäre Kontakte, eine bekannte Sprache und vertraute Orte! Wie groß muss das Elend sein, damit sich jemand den Strapazen einer illegalen Reise nach Europa aussetzt, all sein Geld und oft das der gesamten Verwandtschaft dazu für diesen verzweifelten Versuch hergibt und lieber hier ein angefeindetes, oft einsames Leben führtt als in seiner heimat zu bleiben? Elend? Unwissenheit? Wolkenkuckucksheime? Wer von uns wollte oder könnte das beurteilen? Es müssen schwerwiegende Gründe sein. Denn wann haben wir selbst zuletzt so viel Energie für irgendeine Sache in unserem Leben aufgewendet? Überhaupt schon mal irgendwann? Wer kann da von einem „sich ins gemachte Nest setzen“ schwafeln, wenn er auch nur ein bisschen Verstand hat?

Natürlich konnte all das nur angerissen werden, aber wir waren im Gespräch, und lose Enden werden in uns arbeiten und weitere Gespräche verursachen. Kann es einen besseren Anfang für eine „Willkommenskultur“ geben als verstehen zu wollen?

Als es dann losging, verließ ich meinen schattigen Platz unter dem Sonnenschirm und suchte mir einen nahe der Bühne, einerseits, um eindeutig der Kundgebung zugeordnet zu werden und andererseits, um gute Aufnahmen von den Reden machen zu können. Meine um keinen Deut weniger engagierte Freundin blieb ihrem treuen, vierpfotigen Begleiter zuliebe im Schatten.

150 Menschen ungefähr hatten sich dann doch noch eingefunden, als zuallererst unser Noch-Oberbürgermeister Egon Vaupel nach einer musikalischen Einstimmung eine kleine (vor allem für seine Verhältnisse) Willkommensrede hielt. Wie so oft schaffte er auch diesmal den Spaghat zwischen einer für einen solchen Anlass typischen Rede und einer persönlichen Note. Da wir ihm nun nicht mehr so oft werden lauschen können und das wirklich schade ist, können Sie hier einen Ausschnitt der Rede als mp3-Datei hören.

Die Kirchen, so sagte Vaupel, hätten in einer „Willkommenskultur“ schon immer einen wichtigen Platz eingenommen, und es waren dann auch muslimische, jüdische und christliche Vertreter da, um sich zum Thema zu äußern. Zwei von ihnen haben mich besonders beeindruckt. Da ist zum einen Dr. Bilal Al-Zayat für die Islamische Gemeinde zu nennen. Durch das nun schon zum fünften mal stattfindende „Ramadanzelt“ während des entsprechenden Monats und durch viele andere Ereignisse, zu denen er Stellung genommen hat, ist er in Marburg mittlerweile sehr bekannt. Seine Ausführungen darüber, wie gerade Ramadan einen Menschen dem Schicksal der Flüchtlinge näher bringen könne, empfand ich als sehr eindringlich und einleuchtend. Auch sie möchte ich Ihnen nicht vorenthalten.

Anmerkungen zu Ramadan

Die meisten Aussagen der übrigen Religionsvertreter erreichten mich persönlich ehrlich gesagt eher nicht, aber selbstverständlich kann man nicht von solchen kurzen Reden auf das Engagement von Organisationen oder auch nur ihrer Vertreter schließen, das in Marburg sicher groß ist. Und das habe ich auch in keinster Weise vor. Außerdem ist so etwas immer subjektiv. Nachdenklich stimmte mich allerdings mal wieder, wie häufig Halbsätze fielen wie: „Unser Gott, unsere Religion gebietet uns…“. Mir drängt sich bei solchen Gelegenheiten die Frage auf, warum es so wichtig ist, im Namen einer höheren macht gastfreundlich, herzlich oder freigiebig zu sein. Ist doch etwas dran, dass die meisten Menschen – mich eingeschlossen – eher etwas tun, wenn sie eine Belohnung erwarten können? Aber was ist eine Belohnung? Kann es nicht auch eine Belohnung sein, wenn wir uns schlicht gegenseitig das Leben erleichtern?
Warum ist die Humanität einzelner so oft an Religiosität gebunden? eine Frage, die sicher einen eigenen Beitrag lohnte.

Eine ausnahme bildete allerdings für mich der Vertreter der evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck, Herr Helmut Wöllenstein. Anhand einer von ihm sehr inspiriert beschriebenen Szene aus Brechts „Muttercourage“, die sich ebenfalls von ihm persönlich vorgetragen viel besser anhört, als ich es Ihnen je vermitteln könnte, forderte er die Anwesenden sinngemäß auf, „die Lichter in der Stadt angehen zu lassen“ und „zu trommeln“, um all diejenigen zu wecken, die sich bisher noch nicht gegen den fremdenfeindlichen Wind in unserem Land gestellt haben. Und wir würden dabei hoffentlich noch nicht wieder Gefahr laufen, wie die stumme, trommelnde Kathrin aus „Mutter Courage“ vom Dach geschossen zu werden. Das nur so als persönliche Anmerkung von mir. Es waren in der Tat kraftvolle, bedeutsame Worte, die er da sagte, der Herr Wöllenstein, und in mir zumindest klingen sie auch jetzt noch nach.

Der schwierigste Beitrag der ganzen Veranstaltung kam für mich mit dem Erfahrungsbericht der syrischen Kurdin Hiba Sinu. Damit, dass Ihr Bericht „heruntergerattert“ und wenig emotional wirkte, hatte ich eigentlich kein Problem, auch wenn das vielleicht zu dem gespaltenen Eindruck beigetragen hat, den Ihr Vortrag auf mich machte. Aber ich weiß nicht, wie ich selbst, aufgeregt und in einer fremden Sprache, einen vortrag halten würde. Bauchschmerzen machten mir eher Teile des Inhaltes ihrer Rede, und sie sind schwer in Worte zu fassen, diese Bauchschmerzen. Ich glaube, der Knackpunkt waren die Art und die Häufigkeit, mit der sie immer wieder auf ihre persönlichen Leistungen zu sprechen kam: Schon als Kind war ihr Karriere besonders wichtig, in ihrer Schule in Syrien und auch später, nach anfänglichen Schwierigkeiten in Deutschland, hatte sie Notendurchschnitte von einskommairgendwas. Ihr Studium schloss sie in der Regelstudienzeit ab. Verstehen Sie mich nicht falsch: ich will nicht darauf hinaus, dass sie angegeben hätte! Ich bewundere ihre zum Teil meiner Meinung nach fast übermenschliche Zielstrebigkeit und ihre Leistung sehr! Aber durch diese Heraushebung der Leistung und ihres unbedingten Willens, diese zu erbringen, und dadurch, wie sie betonte, sie hoffe, dem deutschen Staat seine leistung eines Tages durch Mitwirkung in der Gesellschaft zurückzahlen zu können, entsteht bei mir das Gefühl, sie wolle ihre Existenz hier in Deutschland fortgesetzt mit Leistung rechtfertigen oder habe das Gefühl, dies tun zu müssen. Vielleicht ist es aber auch meine eigene snobistische Vorstellung davon, wie ein Flüchtlingserfahrungsbericht aussehen sollte, der Solidarität hervorrufen will. Ich jedenfalls dachte, dass dieser Bericht denen, die einfach nur mit ihrem nackten Leben und nicht mit auf den ersten Blick erkennbaren, für die Wirtschaft lohnenden Fähigkeiten hierher kommen, nicht gerade hilft. Solidarität mit den erfolgreichen, den leistungsfähigen ist einfacher als die mit Menschen, die einfach nur anders und ja! vielleicht auch besser! leben wollen. Worauf sie meiner Ansicht nach ebenfalls ein Recht haben, wenn man bedenkt, wie oft die Industrieländer, zu denen ja auch Deutschland gehört, an den unhaltbaren Zuständen in ihren Ländern zumindest mit schuldig sind.
Trotzdem wünsche ich natürlich auch Frau Sinu eine Stadt, die sie willkommen heißt und Menschen, die ihr helfen werden, ihre Pläne zu verwirklichen. Ich hoffe, dass ich nicht ungerecht über sie geurteilt habe. Damit sie sich selbst ein Bild machen können, hören Sie sich doch ihren Erfahrungsbericht am besten selbst noch einmal an. Es gibt ohnehin zu wenige Dokumente über wirkliche Menschen in unserer medialen Berichterstattung.

Nach einer kurzen Abschiedsrede von Oberbürgermeister Vaupel und noch ein wenig Musik endete die Kundgebung nach etwa einer Stunde, aber wir unterhielten uns noch lange. Frau Hilde Rektorschek, die Begründerin der ersten Kulturloge, gesellte sich zu uns und erzählte, es habe ein paar wenige Personen, vermutlich Burschenschaftsangehörige gegeben, die offenbar die Versammlung hatten stören wollen, von der Polizei aber in eine Gasse zurückgedrängt worden seien. Wie auch immer: Sie verhielten sich still und setzten eben auch ihr Zeichen. So wenig mir das gefällt: Solange es friedlich und ruhig bleibt, ist auch das ein Ausdruck von Demokratie. als konkrete Ergebnisse können noch die Tatsache festgehalten werden, dass meine Freundin und ich sehr bald ein Café besuchen werden, in dem es jeden Donnerstag von 15:00 Uhr bis 17:00 Uhr einen Begegnungstreff mit Marburger Flüchtlingen gibt und dass in mir der Plan Gestalt annimmt, meine Fähigkeiten als gelernte Masseurin dazu zu nutzen, gestressten Menschen, die körperlich und seelisch in großer Anspannung leben, Linderung zu verschaffen, falls sie es wünschen und damit im wahrsten Sinne des Wortes auf eine Art, die alle Sprachgrenzen überwindet, Berührungsängste abzubauen. Ich bin glücklich, in eine Stadt zu gehören, die solche Gedanken und Projekte möglich macht!

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Älterer Text über einen Terroropferkongress

Die Tunesische Regierung hat, liebe Leserinnen und Leser, nach einem Anschlag auf ein gut besuchtes Touristenhotel den Ausnahmezustand> verhängt. Über das Attentat haben Sie Berichte satt lesen können, wenn Sie es wollten. Dazu kann ich wahrlich nichts neues beitragen. Ebenfalls möchte ich mich nicht darüber auslassen, was ich persönlich über die Gründe für diese drastische Maßnahme denke. Auch zu diesem Thema
werden sich ganz sicher andere äußern.

Was mich aber beschäftigt ist die von mir stark empfundene
Unverhältnismäßigkeit eines solchen Vorgehens. Politisch betrachtet ist sie vermutlich gut erklärbar, und auch, dass solche Eingriffe in die Rechte der Menschen von der Öffentlichkeit kaum noch kritisiert werden, ist nicht wirklich neu. Aber wie wirkt eine solche allgemeine Haltung auf betroffene: Auf überlebende oder angehörige von „Terroropfern“? Wie wirkten die schrecklichen Ereignisse selbst überhaupt auf sie – vor allem langfristig -, und haben ihre Gefühle irgendeinen Platz in unserer gesellschaftlichen Reaktion auf Terroranschläge eingenommen? Diese Fragen nehmen nach Ablauf einer Woche meist keinen Raum in unserer Berichterstattung mehr ein, und darum war es schon vor 6 Jahren für mich äußerst interessant, einmal etwas über einen Kongress von Terroropfern zu lesen. Ich habe daraufhin einen Text geschrieben, und da ich glaube, dass er im Grunde nichts von seiner Aktualität verloren hat, stelle ich ihn heute noch einmal in dieses Blog. Er stammt vom 20. September 2009.

Nachdenkliches zum ersten europäischen Terroropferkongreß
Gestern las ich einen Artikel über den ersten europäischen
Terroropferkongress, der diese Woche in paris stattgefunden hat. Ehrlich gesagt habe ich bisher überhaupt nicht gewusst, dass es so etwas gibt. Von kleineren Selbsthilfegruppen hatte ich gehört – das ja -, aber daß es regelrecht einen Kongreß zu diesem Thema gab, war mir nicht klar.

Die Opfer der Terrorakte, die sich dort trafen, kamen aus allen möglichen Ländern, und es ging auch gar nicht nur um den 11. September,, wie man vielleicht heutzutage zynisch vermuten könnte. Überlebende von bombenattentaten im nahen Osten kamen da zu wort genau wie Menschen, die durch Anschläge der IRA oder der ETA angehörige verloren hatten. ich finde es beeindruckend und berichtenswert, dass jemand das organisiert hat, dass all diese Menschen sich haben treffen und austauschen können.

Nachdenklich gemacht haben mich die zum Teil sehr unterschiedlichen Umgangsweisen mit den anschlägen. Immerhin war allen TeilnehmerInnen natürlich gemeinsam, dass sie darüber reden wollten, aber das schien es zum Teil mit der Gemeinsamkeit auch schon wieder gewesen zu sein. Die Schlüsse, die Menschen aus solchen Verlusten ziehen, könnten unterschiedlicher kaum sein. Ich greife einfach einmal 2 Beispiele aus der angebotenen Vielfalt heraus, die mich in ihrer Gegensätzlichkeit am meisten beschäftigt haben:

eine Frau, die ihre tochter bei einem bombenattentat der IRA verloren hat, hält seit Jahren Kontakt zu dieser Organisation, führt immer wieder Gespräche, um verstehen zu können, warum sie ihren Verlust erlitten hat. sie sagt, sie habe ihren Frieden mit den Terroristen gemacht, nur so habe sie ihren eigenen Frieden finden können. Für einen Menschen wie mich, der immer das Gute im Menschen sehen und fördern will, klingt das wunderbar, und ich hege unermessliche Bewunderung für sie, da sie es scheinbar geschafft hat. Aber ist das nicht blauäugig von mir, die ich niemals so etwas erlebt habe? Ich tue mich mit meinem Verhalten schon im Falle einer extrem unangenehmen Beziehung schwer, die ich vor Jahren hatte, , damit, wenn schon nicht zu vergeben, dann vielleicht wenigstens zu vergessen und ein wenig gleichgültigkeit an den Tag zu legen. Mittlerweile ist es mir gelungen, denke ich, aber es hat weit über 10 Jahre gedauert. Und von „Frieden machen“ ist es wohl noch immer weit entfernt.

Wie schrecklich und beinahe unmöglich muß so etwas erst sein, wenn man durch die Schuld anderer und aus heiterem Himmel einen geliebten Menschen verloren hat? Ist das überhaupt ein Weg, der mehr als nur ein par Menschen offen steht, und wäre ich Gutmensch selber in der Lage, mich an dieses Prinzip zu halten?

Andererseits ist es wohl mehr als ein Prinzip. Loslassen zu können, scheint aus Sicht vieler Menschen, die tagtäglich mit diesem Themenkomplex zu tun haben, eines der wenigen Mittel zu sein, mit so etwas fertig zu werden und eine unabding bare Voraussetzung, um inneren Frieden zu finden.

Eine andere Teilnehmerin geht einen völlig entgegengesetzten Weg: „Redet mit den Menschen, nicht nur hier, sondern mit dem Bäcker, dem Nachbarn, mit jedem, den ihr trefft! Sagt ihnen, daß es *jedem* passieren kann, daß unsere Welt heute Terror ist, daß niemand in ihr mehr sicher ist“, sagte sie sinngemäß

Es liegt mir fern, eine solche einstellung zu verurteilen oder auch nur als ihre persönliche einstellung zu bewerten. Wer bin ich denn? ich habe keine ahnung, was es auslösen kann, auf solche Art und Weise traumatisiert zu werden. Gott sei Dank! Wer weiß, was ihr diese Einstellung in ihrem Leben nützt. Vielleicht hindert sie sie daran, verrückt zu werden.

Dennoch bin ich froh, dass es Menschen gibt, die ähnliches erlebt haben und nicht so reagieren. Ich glaube, daß eine Gesellschaft, in deren Innern sich niemand mehr sicher fühlt, auf Dauer ein Klima schafft, in dem niemand mehr emotional gut aufgehoben und geschützt ist. Was nutzt es, wenn nicht nur die Opfer solcher Attentate nicht mehr ruhig schlafen, sondern auch alle anderen? Ich kann den Wunsch zu reden verstehen. Sehr gut sogar. Aber wem soll es nützen, wenn alle menschen angstvoll herumlaufen und ständig mit dem schlimmsten rechnen? Ich frage mich, was für Gefühle in einem Menschen toben, der alle Weltvor dem schlimmsten warnen will. Ist die Triebfeder eines solchen Verhaltens, dass er hofft, den Terror vermindern zu können, indem er die Wachsamkeit seiner MitbürgerInnen auf so krasse Art einfordert? Glaubt er, dass wachsame BürgerInnen wehrhafter sein können, weil sie auf das schlimmste gefasst sind? Oder liegt dem auch manchmal eine gewisse bitterkeit über die Welt zu grunde, etwa nach dem Motto: Warum sollt Ihr Euch in eurer heilen Welt ausruhen können, wo ich es nicht mehr kann? Warum soll ich mit meinem Schmerz allein sein?

Ich weiß es nicht. wie dem auch sei: ich fände eine solche Entwicklung in der Gesellschaft gefährlich, wo jeder und jede nur noch mißtrauisch und feindselig wäre. Der Terror bleibt größtenteils ohnehin unberechenbar, auch wenn uns die PredigerInnen der inneren Sicherheit etwas anderes weismachen wollen. Es ist nicht möglich, alles und alle im Blick und unter Kontrolle zu haben, und wünschenswert ist es doch auch nicht, oder?

Und auch die betroffenen selbst, die sich aufgrund schwerer
Schicksalsschläge vielleicht ungewöhnlich verhalten, sich in der normalen Welt nicht behaupten können, weil sie vielleicht trinken, Angst vor herrenlos herumstehenden Koffern haben, keine großen menschenmengen ertragen – auch sie werden in einer Gesellschaft, in der jeder nur noch auf seinen eigenen Schutz bedacht ist, keine Hilfe, keine Gesprächspartner mehr finden, denn sie werden in ihrer Andersartigkeit bedrohlich sein und gemieden werden.

So komme ich doch zu dem Schluß, dass die Lösung der ersten Frau, der schwere Weg zum inneren Frieden, mir im Hinblick auf unsere Gesellschaft als der bessere erscheint, nur fürchte ich, dass wir gerade in die andere Richtung gehen. Wie gesagt: ich werde niemanden verurteilen, der einen anderen Weg nimmt, und ich weiß nicht, was ich selbst täte. Ich kann nur hoffen, daß die Terroristen ihr Ziel nicht insofern erreichen, dass neben unseren PolitikerInnen, die es ohnehin schon aus machtpolitischen Gründen tun, auch unversöhnte, allein gelassene Terroropfer die angst, die Extremisten aller ideologischen Richtungen säen wollen, in die Welt tragen und ihnen so doch noch reiche Ernte bescheren. Denn in Situationen unkontrollierbarer Angst lösen sich Konflikte nie, und wo Konflikte schwelen, läßt sich Terror gut fortsetzen. Ich hoffe, daß ein Brechen der Sprachlosigkeit, ein sich-austauschen von betroffenen auf einem solchen Kongress, zum frieden für uns alle beitragen können – und zum frieden der betroffenen natürlich ganz besonders. Und für mich selbst wünsche ich mir, daß ich immer ein offenes ohr haben werde, wann immer schreckliche Geschichten von Menschen an mich herangetragen werden, immer aber auch die nötige Distanz, um wirklichen Trost spenden zu können und nicht selbst im chaos ihrer Gefühle unterzugehen.

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… und wieder ein bisschen mehr meine Stadt

als ich gestern meinen E-Mail-Posteingang öffnete, erlebte ich eine Überraschung: es lag nämlich eine für mich höchst unerwartete Mail darin – die Mieterzeitung meiner Wohnungsbaugesellschaft! So etwas gehört für mich normalerweise zu den dingen, die man im Briefkasten findet und schleunigst in den Müll wirft, weil der jeweilige vorleser / die jeweilige Vorleserin wahrhaftig genug wichtige Post mit einem durchzusprechen hat, für die man sich geduldig Zeit nehmen und die man gewissenhaft beantworten muss. als gute Blinde lernt man entweder, sich sehr straff zu organisieren, oder es bleibt ziemlich viel auf der Strecke und es kann auch schon mal teuer werden.
So eine Post hatte ich demzufolge alsoh noch nie gelesen. jetzt bot sich mir die Chance, einmal darin zu schmökern.

Was erwartete ich eigentlich von einer Mieterzeitung? ich merkte, daß ich überhaupt keine Ahnung hatte. Vielleicht würde dort über geplante Renovierungsmaßnahmen informiert? Über neue bunte Mülltonnen? Hm, so ein richtig klares Bild wollte sich nicht einstellen. Ich machte die mail also auf.

Im Grunde war es wirklich nichts besonderes, was dort zu lesen war, aber einiges überraschte mich doch. Eine Mitarbeiterin wurde da vorgestellt, die seit 2008 als telephonistin arbeitete: der Lebenslauf war im Grunde das, was eine Arbeitsagentur daraus macht, wenn sie jemanden vermitteln will: hat im einzelhandel auf den verschiedensten Gebieten gearbeitet – zwischen den Zeilen ist klar, daß sie Ware eingeräumt, Kasse gemacht, Schleppdienste übernommen hat, eine Verkäuferin, ein Mädchen für alles. Im Lebenslauf wird daraus eine abwechslungsreiche Tätigkeit, bei der man mit vielen menschen zusammen kommt, weshalb sie für den Job bei der
Wohnungsbaugesellschaft prädestiniert gewesen sei. Sie sei gern unter menschen und findet ihren Arbeitsplatz abwechslungsreich, erfahren wir. Dann noch, dass sie eine Weile aussetzen mußte, weil sie Mutter wurde, dass ihr Mann in dieser Zeit half, die Familie über Wasser zu halten.

Die Informationen sind nicht so wesentlich, aber der Ton ist familiär, offenbar gibt es immer mal wieder Porträts von mitarbeiterInnen. Das wußte ich nicht. so persönlich hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Dann gibt es da noch 2 Artikel zum thema Stromverbrauch: Der eine beschreibt, welche maßnahmen die Stadt während der letzten 10 jahre eingeleitet hat, um auf erneuerbare und umweltfreundliche Energien umzusteigen. Der zweite beinhaltet einige nützliche tipps, wie jeder im haushalt Strom sparen kann. Wirklich wie eine kleine Zeitung!

Wo in nächster Zukunft gebaut werden wird, erfahre ich auch noch, und was das schätzungsweise kosten wird ich schüttele ein wenig den Kopf über die neuesten vorhaben und frage mich, ob ich sie wirklich für notwendig oder für Geldverschwendung halte Und sind die Kosten wohl richtig angegeben? Irgendwie Stammtischgedanken, und im Grunde ist die kleine Zeitung wirklich kein machwerk für die Ewigkeit. Aber darum geht es auch nicht: ohne sie zu kennen, hätte ich nicht über zukünftige Bauvorhaben in meiner eigenen Stadt den Kopf schütteln können – ich wüsste vermutlich nichts davon.

Einen neuen Pflegedienst wird es geben, den die Wohnungsbaugesellschaft unterstützt! Fein! Wenn ich das nächste mal bei meinen tätigkeiten im marburger Tauschring oder in der Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehindertenbundes in Hessen e. V. alte Menschen treffe, die nach so etwas suchen, kann ich ihnen einen Tipp geben. Das erscheint mir plötzlich unsagbar wichtig und wertvoll. Im Grunde ist es nur das, was jeder sehende ganz selbstverständlich kann. Aber für mich ist das „ein Stückchen mehr meine Stadt. ich werde durch die Uferstraße laufen und wissen, was aus dem Gebäude wird, aus dem unsere Arbeitsagentur ausgezogen ist. Ich kann im hausflur über dieselben Dinge reden wie meine nachbarn, die ihre Mieterzeitung aus dem Briefkasten holen.

Zugegeben: ich schreibe über eine winzige Kleinigkeit, aber meine Stadt ist – wie die ganze Welt! – voll davon:
in der Bahn steht über dem Waschbecken kein Trinkwasser. wäre nie darauf gekommen, das trinken zu wollen, aber eben auch nicht darauf, daß das da steht! Und was steht auf einer Milchtüte geschrieben außer, daß Milch drin ist und vielleicht, welchen Fettgehalt sie hat? womit sind die Werbetafeln im Bus beschriftet? Steht mehr auf einem Preisschild als nur eine Zahl? Was ist ein Strichcode? Was genau steht auf meinem Krankenkassenkärtchen und wie viel paßt wohl auf so ein winziges Wäsche-Ettikett? Mit was für aufdrucken auf den T-Shirts laufen die Leute so rum? Ok, das wissen die glaub ich oft selber nicht! Ich wüsste es aber gern!

Meine Welt ist voller Dinge, die für mich genauso unsichtbar sind wie Bakterien. Und genausowenig vermisse ich sie also natürlich auch meistens. Aber manchmal ist ein Mikroskop doch etwas sinnvolles, ist es toll, wenn dinge plötzlich sichtbar werden: In Heidelberg bei der aufführung einer Oper mit audiodeskription, also einer Bildbeschreibung per Kopfhörer für blinde Menschen – kriege ich eine Theaterkarte in die hand gedrückt, auf der durch ein spezielles Verfahren parallel zur Schwarzschrift, wie viele Blinde den Normalen Druck nennen, auch in Punktschrift so gut wie alles aufgedruckt ist: der Regisseur, das Ensemble, alles, was dort eben so draufsteht. Was für eine wunderbare Erfahrung!
Im Internet gibt es Services mit dem kompletten Text der Beipackzettel von Medikamenten. Wie herrlich selbstbestimmt ich plötzlich darüber entscheiden kann, was ich einnnehmen möchte! Und nun diese kleine, unscheinbare Mieterzeitung, aber für mich ist sie wieder ein Stückchen mehr meine Stadt.

Und sollten sie Ideen haben, wie man meine Stadt noch größer machen kann und nicht wissen, wie man sie umsetzen könnte, fragen sie einfach. Es leben noch viele Menschen hier, die zwar generell keine Bakterien vermissen, ein Mikroskop aber dennoch gelegentlich äußerst faszinierend finden!

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Hallo Welt! mein eigenes Blog ist da!

Liebe Leserin, lieber Leser!

Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren, schöpferischen Tag und begrüße Sie herzlich auf den Seiten meines Weblogs, meines „Netztagebuchs“ also. Wie in ein Tagebuch werde ich hier diejenigen Gedanken, Beobachtungen und Erlebnisse hineinschreiben, die ich auch für sie als „Öffentlichkeit“ für spannend und interessant halte.

Wie jedes Tagebuch ist auch meins subjektiv, und da ich hoffe, dass mein Leben so spannend bleibt, wie es heute ist, ist recht unvorhersehbar, zu welchen Themen etwas darin stehen wird. Aber keine Sorge! Anhaltspunkte gibt es trotzdem, denn man schreibt ja irgendwie immer, was man ist.

Und wer oder was bin ich?

– eine Frau
– Sozialarbeiterin und masseurin
– dick
– interessiert an den politischen und allgemeinen gesellschaftlichen Vorgängen in meinem Land und – so weit ich sie überschauen kann – auch in der Welt
– Vegetarierin
– leidenschaftlich interessiert an Medizin
– blind
– ehemalige Mitarbeiterin eines Hospizes
– ALG-II-Empfängerin
– Anhängerin der Schmerzlust
– begeistertes Mitglied des asozialen Netzwerkes
– Radiomoderatorin und -Redakteurin
– eine unglaubliche Bücherfresserin.
Bei diesen „großen dreizehn“ lasse ich es erstmal bewenden. Vielleicht ist ja was für Sie dabei? Und kombinieren lassen sie sich ja auch noch!

Und noch ein paar kleine „Gebrauchshinweise“: Ich bemühe mich ganz bewußt nicht, immer wissenschaftlich fundiert und stets up to date zu sein, denn diesem Anspruch könnte ich ohnehin nicht genügen. Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht nach besten Wissen und Gewissen bemühe, gut zu recherchieren und gut informiert zu sein, aber mein Tagebuch ist und bleibt dennoch, wie gesagt, subjektiv.

Ich bin keine Liebhaberin von Wortgefechten. Trollerei und
Kommentarschlachten werde ich also nach meinen wünschen und notfalls auch willkürlich unterbinden. Wenn Ihr Euch zu streiten habt, schreibt Euch Privatmails. Jeder Kommentar, auch jeder kritische, ist natürlich trotzdem herzlich willkommen, aber ich lege Wert auf einen respektvollen Ton.

Zum Schluss gilt mein besonderer Dank noch Jens Bertrams, der mir bereits vor zwei Jahren dieses Blog technisch ermöglicht hat. Aber bei mir dauert manches eben etwas länger :-)

Und nun wünsche ich viel Spaß mit meinem Blog, schreibt eine, die keine Liebhaberin der Wortgefechte, wohl aber eine Verfechterin des Wortes als einem unserer größten Geschenke auf Erden ist.

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